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Nächstenliebe - wie der kleine Gabriel mein Leben veränderte

Buchcover Nächstenliebe - wie der kleine Gabriel mein Leben veränderte

Nächstenliebe – wie der kleine Gabriel mein Leben veränderte

Die Kälte durchfährt mich, als ich nach Feierabend die Bahnhofstrasse in Zürich in Richtung Bahnhof entlang schreite. Über mir glitzert die Weihnachtsbeleuchtung und dahinter sehe ich die unendliche Schwärze des Abendhimmels. An mir eilen gestresst wirkende Menschen den Gehsteig hinauf und hinunter. Zwischendurch kann man die aggressive Glocke eines Trams vernehmen, welche die Passanten von den Schienen vertreibt. Auch ich selbst bin froh, dass endlich Wochenende ist und ich mich in meine Zwei-Zimmer-Wohnung zurückziehen kann.

Ich bin kein Weihnachtsmensch, bin ich nie gewesen. Nicht, dass mir der christliche Hintergrund missfällt. Vielmehr ist es die Tatsache, dass heute überall nur noch der Profit im Vordergrund steht. Und diese Einstellung macht auch vor Weihnachten nicht Halt. Auch ich selbst bin ein Werkzeug dieser Denkweise. Mein Job ist es, den Menschen finanzielle Anlagemöglichkeiten zu verkaufen, bei denen nicht sie, sondern mein Arbeitgeber am meisten Geld verdient. Und vor allem in der Vorweihnachtszeit floriert das Geschäft. Wir werden dazu angehalten, unseren Kunden jährlich zu dieser Zeit mindestens einen Weihnachtsbrief und – je nach Vermögen – eine Schachtel mit Pralinen zu senden. Dies um sicherzustellen, dass sie uns auch im neuen Jahr treu bleiben.

Endlich erreiche ich die Bahnhofshalle. Ich schreite am Weihnachtsmarkt vorbei, ohne auf die von überall klingenden Weihnachtslieder und den Glühweinduft zu achten.

Als ich auf der unteren Etage zu den S-Bahnen eile, fällt mir ein kleiner Junge auf, der an einer Wand gelehnt dasitzt und ein Pappschild vor sich aufgestellt hat. Ich blicke auf meine Uhr. Mein Zug fährt in wenigen Minuten los, doch irgendetwas an dem Jungen lässt mich innehalten. Langsam nähere ich mich und lese, was auf seinem Schild geschrieben steht:

«Verbringen Sie Weihnachten bei Ihrer Familie! Ich habe keine Familie mehr. Ich wünsche Ihnen ein frohes Fest!»

Normalerweise würde ich einfach weitergehen, aber irgendetwas hält mich zurück. Dieser Junge ist kaum älter als acht. Keiner scheint sonst von ihm Notiz zu nehmen. Ich kann ihn nicht einfach so seinem Schicksal überlassen. Ich trete noch näher an ihn heran. Da blickt er auf und seine blauen Augen strahlen mich wie zwei funkelnde Sterne an. Ich frage leise: «Wie heisst du, mein Junge?»

Der Junge schiebt seinen grauen Schal beiseite und spricht mit zittriger Stimme: «Gabriel.»

«Hast du Hunger, Gabriel?» Er nickt sanft. Ich schaue wieder auf meine Uhr. Mein Zug fährt in fünf Minuten. Ich entschliesse mich, dem kleinen Jungen ohne Eltern zu helfen.

«Willst du mit mir nach Hause kommen? Ich kann uns da etwas Warmes kochen?»

Der Junge sieht mich ungläubig an. Es ist für ihn bestimmt nicht alltäglich, dass ihm jemand einfach so helfen will.

«Ich will aber keine Umstände machen.»

«Ach was, wenn wir uns beeilen, erwischen wir noch den Zug.»

Immer noch zögernd, steht er auf und packt sein Schild und einen kleinen Rucksack zusammen.

Nachdem wir gegessen haben, machen wir es uns auf meinem Sofa bequem und der kleine Gabriel taut langsam auf. Er spricht viel und seine Augen strahlen immer mehr. Doch als ich ihn frage, was denn mit seinen Eltern geschehen sei, werden seine Augen feucht und er starrt stumm zu Boden. Ich weiss, wie er sich fühlen muss. Das Gefühl der Heimatlosigkeit kann einen manchmal zerreissen.

Meine Gedanken schweifen zu meiner eigenen Kindheit ab. Wie ich früher zusammen mit meinem Vater in St. Moritz in der Weihnachtszeit die schönsten Schneemänner gebaut habe. Und wie wir zusammen am Abend am warmen Kamin sassen und heisse Schokolade tranken. Ich vermisse diese Gegend mit der verschneiten Natur und den Bergen, in welcher ich so lange gelebt habe. Meine Gedanken wenden sich unweigerlich der Scheidung mit meiner Frau zu, welche mich gezwungen hat, jenen Ort zu verlassen. Doch ich will jetzt nicht darüber nachdenken. Meine Augen wandern wieder zu Gabriel hin, der immer noch stumm dasitzt. Ich versuche ihn aufzuheitern und wechsle schnell das Thema, doch das Einzige was mir einfällt, ist Weihnachten.

«Gefällt dir die Weihnachtszeit?», kaum habe ich die Frage gestellt, merke ich, wie dumm sie ist. Aber seine Antwort verblüfft mich.

«Ja sehr, aber nicht, was die Menschen daraus gemacht haben. Ich fände es schön, wenn die Menschen wieder mehr zusammenhalten und auf einander achten würden.»

Er gähnt laut und schliesst müde die Augen. Ich will ihn noch fragen, was er mit ‹die Menschen› gemeint hat, doch er ist schon eingenickt.

Nach einem herzhaften Frühstück am nächsten Morgen fragt mich Gabriel: «Gehen wir heute zum Weihnachtsmarkt?»

«Weisst du, ich mag eigentlich keine Weihnachtsmärkte, da ist alles immer so hektisch», beginne ich, aber seine blauen Augen schauen mich beinahe flehend an. Ich kann diesem Jungen nichts abschlagen.

«Also gut, du hast mich überredet.» 

Es ist zwar immer noch eine Eiseskälte, als wir am Samstagnachmittag durch die Stadt schlendern. Aber irgendwie fühlt es sich in meinem Herzen warm an. Und als ich auf den strahlenden Gabriel blicke, weiss ich auch gleich warum. Dieser kleine Knirps ist mir ans Herz gewachsen. Gabriel will alles sehen und eilt von Stand zu Stand und ich muss mich sputen, um mit ihm mitzuhalten.

Als es bereits dunkel wird, setzen wir uns auf eine Bank an der Bahnhofstrasse und essen zusammen die gebrannten Mandeln, welche wir gekauft haben und trinken einen Orangenpunch. Da blickt Gabriel zum Himmel auf und deutet auf die kleinen Lämpchen, welche über die Strasse gespannt sind.

«Die sehen aus wie kleine, blinkende Sterne.»

«Ja, sind sie nicht traumhaft?»

«Ihr habt es wunderschön hier.»

Ich sehe ihn erstaunt an, wieso spricht er schon wieder so, als ob er nicht dazugehören würde? Doch ehe ich etwas sagen kann, schiebt sich eine kleine, warme Hand in die meine. Ich halte sie fest und sehe ihm in die Augen. Da wird mir bewusst, dass er wie ein Sohn für mich geworden ist und ich streiche ihm sanft über sein Haar. Er strahlt mich wieder mit seinem warmen Lächeln an und ich spreche leise:

«Wollen wir etwas essen gehen?»

Er nickt kaum merklich.

«Auf was hättest du denn Lust? Magst du Pizza?»

Er schaut mich mit grossen, fragenden Augen an.

«Du hast doch bestimmt schon mal Pizza gegessen?»

Er schüttelt den Kopf.

«Na, aber dann wird es höchste Zeit!»

Meine Lieblingspizzeria befindet sich im Niederdorf. Als wir sie betreten, sehe ich, dass wir natürlich nicht die Einzigen sind, welche diese Idee gehabt haben. Wir müssen warten. Wenigstens ist es hier drinnen warm. Ich schaue zu Gabriel, der neugierig alles beobachtet. Er will einen Schritt vortreten, um eine Karte zu greifen, als ein Kellner mit vollem Tablett fast über Gabriel stolpert.

«Vorsicht!», rufe ich Gabriel zu und ziehe ihn am Ärmel zurück. Der Kellner schaut mich nur verdutzt an.

Kurze Zeit darauf werden wir an einen kleinen Zweiertisch am Fenster gesetzt. Als wir unsere Jacken abgelegt haben, sage ich zu Gabriel:

«Kannst du auf meine Sachen aufpassen? Ich muss kurz auf die Toilette.»

Gabriel nickt und ich stehe auf.

Als ich an unseren Platz zurückkehre, durchfährt mich ein Schock. Meine Jacke und Tasche sind nicht angerührt worden, aber die Sachen von Gabriel sind verschwunden, sowie er selbst.

Ich eile zum Tisch und suche nach einer Spur von Gabriel, doch ich kann nichts finden. Verzweifelt wende ich mich zu unserer Kellnerin und frage sie, ob sie den kleinen Jungen gesehen habe, der mit mir reingekommen sei. Doch die Frau schaut mich nur verwirrt an und sagt dann:

«Es tut mir leid, aber Sie sind alleine gekommen.»

Ich wende mich schweigend von ihr ab und blicke auf meine Jacke. Da, in der Tasche, sehe ich einen kleinen Brief. Ich ziehe ihn heraus und beginne zu lesen:

Lieber Daniel

Ich möchte mich für die wunderschöne Zeit mit dir bedanken. Du hast mir bewiesen, dass du ein guter Mensch bist. Ich habe das sehr genossen. Leider muss ich jetzt wieder zurück, da meine Aufgabe hier erfüllt ist.

Ich setze mich wieder auf den Stuhl.

Du wirst dich jetzt bestimmt verlassen fühlen, aber vergiss nicht, du bist niemals ganz alleine! Ich wünsche dir ein schönes Weihnachtsfest!

Herzliche Grüsse

Dein Gabriel

Der kleine Junge hatte recht, ich fühle mich wieder einsam. Aber da ist noch ein anderes Gefühl. Ich spüre eine Wärme in mir aufsteigen und als ich aus dem Fenster blicke, erkenne ich, dass feine Schneeflocken vom Himmel fallen und in der Ferne sehe ich einen hellen Glanz über den Himmel huschen.