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Das Wunder des Lebens

Buchcover Das Wunder des Lebens

Dies ist die Fortsetzung von der 2012 in der Engadiner Post erschienenen Weihnachtsgeschichte "Nächstenliebe - Wie der kleine Gabriel mein Leben veränderte"

Das Wunder des Lebens

Drei Jahre waren vergangen, seitdem der kleine Gabriel auf so wundersame Weise in mein Leben trat. Diese Begegnung hatte etwas in mir ausgelöst, dass ich bis heute nicht erklären kann. Leute, von denen ich glaubte, dass wir für immer befreundet sein würden, wandten sich von mir ab. Freunde wurden plötzlich fremd. Aber versteht mich nicht falsch, ich bin deswegen nicht traurig. Ganz im Gegenteil! Nur meine Wandlung erlaubte es, dass die Personen funkeln konnten, die sich als wertvoller, als der grösste Schatz auf Erden erweisen sollten.

Ich habe in der Zwischenzeit meinen Job gewechselt. Ich konnte es nicht mehr mit ansehen, wie den Menschen ihr Geld aus den Taschen gezogen wurde, nur um jeweils am Jahresende einen fetten Gehalt zu kassieren. Ich suchte eine Arbeit, bei der der Menschen als Individuum zählt – nicht als Kapital. Meine Suche nach Wertschätzung führte mich schliesslich zu einem Auffanglager für Flüchtlinge. Diese Arbeit füllte endlich die unbewusste Leere in mir. Ich musste viel Leid sehen und doch wusste ich, ich wurde gebraucht. Hier geschah etwas Wertvolles.

Und nicht zuletzt war es auch jener Ort, an dem ich Annie das erste Mal traf. Bei unserer ersten Begegnung hat sie mich in meine Aufgaben eingeführt und ihr Lachen hat sich sofort in mein Gehirn eingebrannt. Wir verbrachten viel Zeit zusammen und so führte das eine zum anderen.

Seit einem halben Jahr sind wir nun verheiratet. Wir sind überglücklich und doch gibt es etwas, von dem sie keine Ahnung hat. Genau genommen weiss niemand davon. Mein Gefühl verriet mir, dass ich die Begegnung mit Gabriel für mich behalten sollte. Er war mein kleiner Schutzengel und ich wollte dieses Geheimnis für mich behalten.

Jetzt stehe ich, wie jedes Weihnachten seitdem ich Gabriel kennenlernen durfte, am Rande des Weihnachtsmarktes auf dem Sechseläuten Platz. Der Duft von exotischen Köstlichkeiten weht mir entgegen. Doch mein Fokus liegt auf der Suche nach einem kleinen Jungen mit strahlenden Augen. Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben, dass sich der kleine Gabriel erneut zeigen würde. Und diese Hoffnung liess mich Jahr für Jahr die Zürcher Weihnachtsmärkte abklappern. Annie liebte Weihnachten und so war es für mich ein Leichtes, sie zum Besuch eines Weihnachtsmarktes zu überreden. Ihre Stimme ist es denn auch, die mir nun ins Ohr flüstert:

„Schatz, magst du auch eine Schokobanane?“

Ich blicke in ihre olivgrünen Augen und nicke stumm. Während sie sich einen Weg zu einem Stand mit Schokoladenfrüchten schlängelt, schaue ich mich weiter um. Als ich die Suche schon aufgeben und Annie folgen wollte, sehe ich versteckt hinter einem Stand mit Glühwein ein kleines Häuschen mit Spielwaren. Doch es waren nicht diese billigen Plastikspielwaren von heute. Ich wurde augenblicklich in ihren Bann gezogen und langsam bewege ich mich auf den Stand zu. Der Mann hinter der Verkaufstheke sieht mich nur kurz an, sagt aber sonst nichts. Direkt vor mir steht ein süsser kleiner Roboter. Er scheint fast schon menschliche Züge zu haben. Ein unbestimmter Drang sagt mir, dass ich diesen Roboter haben musste. Ohne ein Wort zu sagen, deute ich auf diesen Roboter und der Mann hinter dem Tisch versteht sofort. Er tritt näher heran und sagt mit rauer Stimme:

„Der kostet 50 Franken. Er ist der letzte seiner Baureihe. Doch leider ist seine Fernbedienung in den letzten Jahren verschwunden. Er besitzt nur noch die vorprogrammierten Funktionen.“

In diesem Moment taucht Annie hinter mir auf.

„Ach, hier bist du Daniel! Ich dachte schon, ich muss die zweite Banane selber essen.“

Sie zwinkert mir zu und einmal mehr schenkt sie mir ihr bezauberndes Lächeln.

„Was hast du denn hier Schönes entdeckt?“

„Können wir diesen Roboter kaufen, Annie“, sage ich hoffnungsvoll. Ich muss wie ein kleiner Junge geklungen haben. Denn Annies Antwort war wie die einer Mutter.

„Naja, ich kann zwar nichts mit technischen Sachen anfangen. Aber wenn er die gefällt, kaufe ich ihn dir.“

Ich umarme Annie so fest, dass ich ihr fast die Bananen aus den Händen schlage. 

Es ist nun zwei Uhr morgens und Annie ist schon längst im Bett. Doch ich kann noch nicht schlafen. Als wir vom Weihnachtsmarkt zurückgekehrt sind, habe ich mich in mein Arbeitszimmer zurückgezogen und mir den kleinen Roboter genauer angeschaut. Bis jetzt habe ich es allerdings nicht geschafft, die vorprogrammierten Funktionen zu starten. Je später es wurde, desto mehr verliere ich meine Zuversicht. Ich glaube, der Händler hat uns bloss über den Tisch gezogen.

„Ich werde diesen Elektroschrott morgen als Erstes wieder zurückbringen“, murmle ich enttäuscht vor mich hin und erhebe mich.

Als ich das Licht gelöscht hatte, blicke ich ein letztes Mal zum Roboter auf meinem Tisch. Das Mondlicht fällt kegelförmig auf meinen Schreibtisch und lässt den Roboter in silbernem Licht erstrahlen. Kurz bevor ich die Türe hinter mir ins Schloss ziehen will, meine ich noch zu sehen, wie aus den Augen des Roboters silberne Tränen fallen.

„Das ist doch Blödsinn“, denke ich, „ein Roboter kann nicht weinen.“

Ich ziehe die Türe zu und gehe zu Bett.

Aber der Roboter lässt mich nicht einschlafen. War es wirklich nur Einbildung gewesen? Ich liege mit offenen Augen im Bett und starr die Decke an. Neben mir liegt Annie. Sie atmet ruhig und tief. Leise erhebe ich mich erneut aus dem Bett und gehe zurück in mein Arbeitszimmer. Doch was mich da erwartet, lässt mich endgültig an meinem Verstand zweifeln.

Der kleine Roboter steht nicht mehr auf meinem Schreibtisch. In der Zwischenzeit hat er sich offensichtlich bewegt und steht nun am Fenster und schaut hinaus. Schwachsinn! Ein Roboter kann natürlich nicht aus dem Fenster schauen! Oder etwa doch?

„Was zum ...“, beginn ich. Doch eine elektrische Stimme unterbricht mich.

„Daniel! Du bist zurückgekommen!“

Ich habe ja schon einiges über die moderne Technik gehört, aber woher weiss dieser Roboter meinen Namen?

„Ja“, ist das Einzige, was ich in diesem Moment sagen kann.

„Ich dachte schon, dass du mich nicht mehr liebst.“

„Was meinst du mit liebst? Ich kann doch keinen Roboter lieben. Du kannst ja gar keine Gefühle spüren.“

Ich muss verrückt sein. Ich spreche mit einem Roboter. Aber als ich erneut in die Augen des Roboters blicke, bin ich nicht weniger erstaunt. Jetzt sehe ich es ganz deutlich. Aus seinen Augen fallen stumm Tränen zu Boden. 

Dieses kleine Geschöpf, einsam und traurig auf der Fensterbank sitzend, weckt in mir ein väterliches Gefühl und so trete ich zum Fenster und schliesse ihn fest in meine Arme. 

„Es ist alles gut. Ich bin ja da. Wie heisst du eigentlich? Hast du überhaupt einen Namen?“, frage ich leise.

„Ich habe keinen richtigen Namen. Aber meine Seriennummer lautet G-227-435.“

Genau in diesem Moment durchbricht ein gleissendes Licht die Dunkelheit des Raumes. Geblendet schaue ich zum Ursprung des Lichtes und darin sehe ich die Silhouette eines kleinen Jungen. Noch bevor der Junge seine Lippen öffnen konnte, war es mir klar.

„Gabriel! Du bist zurück!“, juble ich.

„Mein lieber Daniel! Endlich sehen wir uns wieder. Es freut mich zu sehen, wie du dich entwickelt hast.“

„Wo hast du gesteckt? Ich habe dich jedes Jahr gesucht. Wie ich mich freue, dass du wieder hier bist.“

„Ich kann auch heute nicht bleiben, Daniel. Es gibt noch so viele Menschen, die mich brauchen. Aber ich habe dich nie vergessen. Die Zeit mit dir hat mich mit Freude erfüllt. Dafür möchte ich dir etwas schenken, damit du immer eine Erinnerung an mich hast.“

Gabriel deutet auf den kleinen Roboter in meinen Armen.

„Er wird immer für dich da sein, so wie du für mich da warst. Und eins noch Daniel, lass dich nicht von seiner Hülle täuschen.“ 

Freudig gehe ich auf Gabriel zu und wir umarmen uns. Doch auf einmal war das Licht wieder verwunden und mit ihm auch Gabriel.

Ich bin nun wieder alleine mit G-227-435.

Ich trete erneut ans Fenster und sehe eine kleine Sternschnuppe am dunklen Nachthimmel vorbeihuschen. Leise murmle ich:

„Lebe wohl Gabriel, mein kleiner Engel.“

Und zusammen mit G-227-435 gehe ich zurück ins Schlafzimmer und lege mich neben meine wundervolle Frau Annie. Vollkommen zufrieden und glücklich schlafe ich neben meinen Liebsten ein.